Abschied von Familie Mantey

Mit großer Dankbarkeit und ein bisschen Wehmut

Siebzehn Jahre sind eine lange Zeit. Und auch wieder nicht. Als Kathrin und ich 2004 hier in der Gemeinde als Pfarrerin und Pfarrer begannen, dachten wir noch nicht, so lange in Spangenberg zu bleiben. Wir haben hier eine Heimat gefunden, viele Freundinnen und Freunde, eine gute Gemeinschaft in der Kirchengemeinde und weit darüber hinaus, und wir haben hier unsere Kinder behütet großziehen können. Dafür sind wir sehr dankbar.

Dankbar bin ich auch, wenn ich auf die Arbeit in der Gemeinde zurückblicke. Dankbar vor allem für Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, die viele neue Wege mitgegangen sind und sie mitentwickelt haben: Gottesdienstformen an neuen Orten wie der Baumkirche oder beim Wandern, an der Elbersdorfer Brücke oder beim Lebendigen Adventskalender, mit einem Gottesdienstteam wie kirche@6.komm oder mit den Chören der Gemeinde oder der Stadt; neue Kontaktflächen schaffen wie das Männersegeln und die Studienreisen ins Ausland oder den Musiksommer. Dankbar bin ich für die freundschaftliche Zusammenarbeit mit Michael und Merike, Andreas, Annette und dem Team im Kindergarten, mit unseren MusikerInnen, Küsterinnen und Bestattern, die alle an einem Strang gezogen haben: Dass wir dem, was von Gott her den Menschen zu sagen ist, eine leidenschaftliche und verständliche Gestalt geben.

Neben einer vielfältigen Gottesdienstlandschaft war für mich in Spangenberg die sozialdiakonische Stadtentwicklung von großer Bedeutung. In 2005 starteten wir mit einer Bedarfsanalyse für die Wohnungen im Stift und Hospital und schnell wurde klar: Entweder würden die Milden Stiftungen ihr Angebot erweitern und verändern oder sie hätten keine tragfähige Grundlage mehr. Zusammen mit dem Himmelsfels und den neu gegründeten Katharinen e.V. und Spangensteine e.V. wuchs über die Jahre ein lebendiges soziales Netzwerk. Ich freue mich sehr, dass die Baustelle in der Frühmessergasse jetzt so weit ist, dass der „Ladenrat“ die Ausgestaltung und das Programm für das Händewerk übernehmen kann und wir Ende Oktober das Projekt einweihen können. Dass wir seit 2020 mit der Katharinenhilfe ein so gut angelaufenes Projekt für Haushaltsnahe Dienstleistungen aufbauen konnten, macht mich froh. Die Zusammenarbeit im sozialen Netzwerk, vom Baustellenmitarbeiter bis zum Bürgermeister, ist eine der großartigsten Erfahrungen.

Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Milden Stiftungen auch in Zukunft auf sich aufmerksam machen werden: Für die Errichtung einer „Demenz-WG“ liegt das Umsetzungskonzept vor, bislang fehlt nur das Geld für den Bau.

Kirche und Milde Stiftung haben zusammen siebzehn Gebäude in der Gemarkung, um die sich kümmern müssen und das erfordert eine Menge Zeit. Das große Projekt meiner Gemeindezeit ist die vollständige Sanierung der Stadtkirche. Über zwanzig Jahre sind die Pläne für die Sanierung des Turms alt und erste Spenden schon gesammelt, bevor ich hier anfing. Aber bis jetzt hat es gedauert, diese Mammutaufgabe zu stemmen. Mittlerweile kenne ich dort ungefähr jeden Stein. Aber das ist nicht das Entscheidende für mich: Sondern die Leidenschaft des Kirchenvorstands, immer wieder neu zu planen und neue Muster zu betrachten, die überwältigende Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger für ihre Kirche zu spenden, immer wieder und über all die Jahre. Wenn ich mir zum Abschied eines wünschen dürfte, dann ist es, dass die Stadtkirche wieder zu einem lebendigen Mittelpunkt für unsere Region wird, mit viel Musik und viel Evangelium – und hoffentlich dann auch wieder dem Spangenberger Musiksommer, der, so glaube ich, eine gute Erfindung ist.

Vieles ist mir nicht gelungen. Im Ev. Kindergarten hätte ich mich viel mehr darauf konzentrieren sollen, ihn zu einem aktiveren Bestandteil des Gemeindeaufbaus zu machen. Stattdessen war die Zeit mit Umbau, Erweiterung und Sanierung, mit KiföG-Berechnung und Personalmanagement gebunden. Dankbar bin ich dennoch für das nimmermüde Engagement des Teams und der Eltern, das mich getragen hat.

Die Menge der Kirchenaustritte hätte ich gerne verringert. Stattdessen musste ich erkennen, dass unser Mitgliedschaftsmodell trotz aktiver Gemeindearbeit für manche nicht mehr tragfähig ist. Dass damit aber Stück für Stück die finanziellen Grundlagen unserer Gemeinde verloren gehen, konnte ich leider nicht hinreichend vermitteln.

Wen ich durch meine Art verletzt oder durch mangelnde Aufmerksamkeit enttäuscht haben sollte, der möge mir verzeihen.

Mittlerweile sitzen in den Traugottesdiensten die ehemaligen Konfirmanden, und manche Familie habe ich schon an vielen Schnittpunkten des Lebens begleitet, bei Taufen und Trauerfeiern. Gelegentlich kenne ich sogar die verwickelten verwandtschaftlichen Beziehungen von zwei Menschen besser als manch Alteingesessener. An ihrem eigenen Klang kann ich jede Tür im Gemeindehaus blind unterscheiden und das alles zeigt mir, dass siebzehn Jahre doch eine lange Zeit sind.

Auf die Propststelle in Marburg konnte ich mich nur bewerben, weil ich in Spangenberg so gute Erfahrungen sammeln durfte. Das war in all‘ den Jahren überhaupt meine Motivation, viel ehrenamtliche Zeit in kirchenleitenden Gremien zu verbringen: Weil ich in meiner Gemeinde erleben durfte, wie groß der Schatz des Evangeliums ist und wie sehr es sich lohnt, trotz schwieriger werdender Rahmenbedingungen gute und tragfähige Formen von Gemeinde zu suchen und immer wieder zu finden. Neben der anspruchsvollen Pfarrstelle noch Zeit für Kirchenleitungsaufgaben zu haben war nur möglich, weil meine Frau Kathrin mir das ermöglichte und eigene berufliche Entfaltungswünsche weitgehend für die Familie und viele Telefondienste zurückstellte, wenn ich mal wieder nicht da war. Danke.

In meiner neuen Aufgabe als Propst für den Sprengel Marburg bin ich weiter für die Kirchengemeinde Spangenberg zuständig, wenn auch aus der Distanz, aber das macht mir den Abschied leichter. Kathrin, Albrecht, Luise und ich wünschen Ihnen und Euch allen immer wieder den Segen, den wir hier die ganze Zeit erfahren haben – auf allen Wegen! VM