Trost und Zuversicht – Allabendliches Trompeten gegen die Krise

Trost und Zuversicht: Trompeten gegen die Krise

Melsunger Bläser musizieren jeden Abend

Von Manfred Schaake

20 bis 25 Frauen und Männer des Evangelischen Bläserkreises Melsungen musizieren in Melsungen jeden Abend ab 19 Uh – je einzeln und doch gemeinsam. Sie beteiligen sich mit Blasinstrumenten an der Aktion Balkonsingen der Evangelischen Kirche, die in den Zeiten der Corona-Krise ein Zeichen der Zuversicht setzen soll. Das gemeinsame Musizieren aus Fenstern und auf Balkonen soll gegen Angst und Unsicherheit helfen.

Wenn Ruth und Michael Eckhardt zusammen mit ihren Kindern Deborah, Rahel und Amos jeden Abend vom Balkon ihres Hauses In den Teichwiesen „Der Mond ist aufgegangen” und andere Lieder blasen, öffnen sich in der Umgebung Fenster und Türen. Nicht nur die Bewohner einer Senioreneinrichtung schauen und winken herüber. Auch Nachbarn treffen sich auf der Straße, einige singen mit. Das sei beeindruckend, einfach schön, sagen sie.

„Unser Musizieren soll den Menschen Mut machen”, betont Michael Eckhardt. Am 18. März hatte das Blasen begonnen. Und wenn es nach Ruth Eckhardt geht, wird es auch nach dem Ende der Corona-Krise fortgesetzt. Einmal in der Woche, immer sonntags, schlägt sie vor. Zunächst einmal gilt: „Solange die Kontaktsperre anhält, blasen wir.”

Ruth Eckhardt ist Leiterin des Evangelischen Bläserkreises Melsungen mit etwa 40 Mitgliedern aller Altersklassen. Sie ist auch Kreisbeauftragte für die Bläser im Dekanat Melsungen. Vier der fünf Kinder der Eckhardts im Alter zwischen acht und 15 Jahren sind aktive Bläser. Rahel und Deborah spielen schon im Landesjugend-Posaunenchor mit.

„Wir waren schon immer eine musikalische Familie”, sagen Ruth und Michael Eckhardt, die seit 1995 ein Paar sind. Die Hälfte der 40 Bläser im Kreis Melsungen sei unter 18, erläutert Ruth Eckhardt. „Wir haben ein wunderbares Konzept für die Jugendausbildung”, freut sie sich. Für junge Bläser gebe es beispielsweise Einzelunterricht.

„Der ganze Chor ist eine große Familie”, sagt Ruth Eckhardt. Normalerweise wird einmal pro Woche im Lutherhaus geübt. Da dies wegen Corona nicht möglich ist, kam man auf die Idee, jeden Abend vom Balkon zu musizieren.

Trompeten, Posaunen, Hörner und Tubas erklingen an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet. „Unser Musizieren ist je nach Wetterlage bis zum Schloth oder Brüggersberg zu hören”, sagt Michael Eckhardt. Und: „Die Resonanz ist sehr positiv. Die Menschen freuen sich und sagen, das bringt uns Trost und Zuversicht.” Eine Nachbarin der Eckhardts: „Trotz des Abstands ist Nähe da.”

Dekan Norbert Mecke hörte das Blasen kürzlich beim Spazierengehen an der Grasbahn. „Wirklich schön”, sagt er gegenüber der HNA. Zum Auftakt erklingt in Melsungen und anderswo immer „Der Mond ist aufgegangen”. Mecke: „Wer sich die Strophen allesamt durchliest, wird merken, dass das deutlich mehr als etwa ein Abendlied für Kinder ist – nämlich Glaubens- und Lebensweisheit und nicht zuletzt Gebet.”

Das Lied gehört zu den Klassikern mit Volksliedstatus, erinnert an die Kindheit, vermittelt Behütung und Geborgenheit. Die Verse von Matthias Claudius seien voller Zuversicht und Vertrauen, schreibt die Evangelische Kirche in ihrem Aufruf. Aus ihnen spreche ein Gottvertrauen, das viele auch in den Zeiten der derzeitigen Corona-Krise aufatmen lassen könne.

Ein wöchentliches Blasen immer sonntags nach der Krise, wie es sich Ruth Eckhardt wünscht, wäre eine schöne Bereicherung. Die Initiatorin schlägt einen Standort in Melsungen vor, von dem aus der Klang durch die ganze Stadt getragen wird. Am Ostersonntag ab 10.15 Uhr werden sich zehn bis zwölf Familien aus Melsungen am landesweiten Blasen beteiligen. Zur Einstimmung wird „Christ ist erstanden” erklingen.